Streß
Streß allgemein
Streß ist ein Befinden, das Mäuse dem Menschen nur schlecht mitteilen können. Streßreaktionen gehen meistens fließend in andere Verhaltensweisen sowie Krankheitssymptome über. Leichte Streßreaktionen lassen sich nur im Labor messen.
Steht ein Tier unter starkem und/oder dauerhaftem Streß, zeigen sich eine Reihe von Reaktionen. Dies sind z.B.:
- Appetitlosigkeit
- schlechtes Allgemeinbefinden
- Verhaltensänderungen (z.B. plötzliche Aggressivität)
- auch für den Laien erkennbar schnellere Atmung
- Fluchttendenzen → das Tier versucht sich der streßauslösenden Situation zu entziehen
- Schreckhaftigkeit
Oft zu beobachten und leider auch oft fehlinterpretiert wird das Putzen auf der Hand bei Farbmäusen. Nehmen Sie ein Tier auf die Hand und es bleibt immer wieder sitzen, putzt sich für wenige Sekunden und geht dann weiter, ist dies kein Teil der Fellpflege. Hierbei handelt es sich um eine Übersprungshandlung, die in diesem Falle Streß anzeigt.
Auch Parasitosen und Pilze können eine Folge von dauerhaftem Streß und damit einem geschwächten Immunsystem sein.
Die einzigen Arten, die Streß vergleichsweise deutlich und unmissverständlich zeigen können, sind Grasmäuse der Gattung Lemniscomys. Sind die Tiere akut oder chronisch gestresst, plüschen sie im Fell sofort auf und sehen dann regelrecht aus wie kleine Bürstchen.
Stellen Sie bei Ihren Tieren Anzeichen für Streß fest, sollten Sie schnellstmöglich die Ursache beheben und den Tiere größtmögliche Ruhe und Ungestörtheit verschaffen, da Streß das Leben der kleinen Nager sonst merklich verkürzen kann. Empfindliche Arten wie Grasmäuse, Lemminge oder Rötelmäuse können schon binnen weniger Tage oder Wochen daran versterben!
Streß als körperliche Reaktion
Streß ist eine sehr ursprüngliche Reaktion, die in denselben Hirnarealen ihren Ausgang nimmt, wie andere grundlegende Verhaltensweisen wie Schlaf-Wach-Rhythmus, Ernährung und Fortpflanzungsverhaltens sowie Emotionen ihren Anfang nehmen. Er führt im Körper zu einer ganzen Reihe von Reaktionen, deren Grundprinzipien bei Maus und Mensch gleich sind. Unterschieden wird dabei zwischen akutemschnell zum Ausbruch kommend und von kurzer Dauer und chronischemlangsam entwickelnd oder lang andauernd Streß. Ausgelöst wird er von einer ganzen Reihe von Reizen, den sogenannten Stressoren.
Stressoren und Reizreaktion
Vor allem in akuten Gefahrensituationen wird von typischen Flucht- und Beutetieren wie Mäusen eine schnelle Reaktion erwartet. Daher findet die Reizverarbeitung in diesem Fall nicht im Großhirn statt. Dieser Verarbeitungsweg könnte kostbare Zeit kosten. Stattdessen erfolgt die Beurteilung der Gefährlichkeit einer Situation reflexartig über schematische Muster, auf die das Stammhirn reagiert und eine entsprechende Reaktion auslöst. Zu den auslösenden Mustern gehören für Mäuse beispielsweise plötzliche, unbekannte Geräusche, plötzlicher Wechsel der Helligkeit, Warnlaute, Todesschreie und ähnliche Reize.
Stressoren sind also Reize, die eine Streßreaktion auslösen. Diese muß jedoch nicht immer akut sein. Auch Geräusche und ähnliches können zu Stressoren werden. Es gibt unterschiedliche Weisen, Stressoren aufzugliedern. Die pragmatischste ist die in subjektive und objektive Stressoren.
Objektive Stressoren sind beispielsweise extreme Temperaturen, Einsamkeit, zu hohe Besatzdichte eines Geheges, Hunger, Durst, Lärm, Gewecktwerden, Nichterfüllung wesentlicher Bedürfnisse und vieles mehr.
Subjektive Stressoren sind Wut, Angst, Dominanzstreben, niedriger Rang und ähnliches.
Akuter Streß
Seinen Anfang nimmt akuter Streß in einer als gefährlich wahrgenommenen Situation. Im Fall von Mäusen kann zum Beispiel das Schema für einen Freßfeind ausgelöst werden, wenn man von oben auf das Tier fasst. Dann wird in Sekundenbruchteilen eine ganze Kette physischer Reaktionen ausgelöst, die das Tier fit für Kampf oder Flucht machen sollen.
In dieser enorm kurzen Zeit laufen im Körper verschiedene Mechanismen parallel zueinander ab.
Durch den Reiz wird über das limbische System und den Hypothalamus die Aktivität des Sympathikus genannten Teils des vegetativen Nervensystems erhöht. Dieser Teil des Nervensystems ist für eine Steigerung der Handlungsbereitschaft verantwortlich und aktiviert die entsprechenden Systeme (Herz, Durchblutung, Blutdruck, Muskeltonus, Stoffwechsel, Glycolyseabbau von Einfachzuckern zur schnellen Energiegewinnung
).
Die Alarmbereitschaft im Körper führt zu einem erhöhten Nährstoffbedarf, der durch die Freisetzung von Fettsäuren aus dem Fettgewebe und von Glukose aus dem Glykogenvorrat der Muskeln und der Leber gedeckt wird. Auch der Sauerstoffbedarf steigt und wird durch eine schnellere Atmung gestillt. Gleichzeitig produzieren die blutbildenden Gewebe mehr rote Blutkörperchen, so dass mehr Sauerstoff im Blut transportiert werden kann.
Adrenalin und Noradrenalin, die in der Nebenniere ausgeschüttet werden, verstärken die Wirkung des Sympathikus und sorgen zudem für eine Erhöhung von Schlagfrequenz und – volumen des Herzens sowie für einen höheren Blutdruck. Durch den höheren Druck, die Geschwindigkeit des Blutes und die Weitung der den Muskel versorgenden Gefäße, gelangen Sauerstoff und Nährstoffe schnell und in ausreichendem Umfang zu den Muskeln, wo durch Umwandlung Energie für Bewegung freigesetzt wird.
Gleichzeitig hemmt der Sympathikus die Aktivität nicht benötigter Systeme wie Verdauung, Lymphorgane und die Produktion von Antikörpern.
Der Hypothalamus wirkt jedoch nicht nur auf den Sympathikus, sondern mittels verschiedener Hormone auch auf die Hypophyse und startet so Hormonketten, die die Streßreaktion verstärken und erweitern. So führt die Reaktion auf den Streßreiz unter anderem zu einer Erhöhung des Grundumsatzes und damit der Körpertemperatur. So laufen die nötigen chemischen Reaktionen im Körper schneller ab. Eine vermehrte Schweißproduktion schützt den Körper vor Überhitzung.
Durch eine hormonelle Rückkopplung werden Hypothalamus und Hypophyse wieder gehemmt, so dass die Streßreaktion bei Abwesenheit eines Stressors wieder abgeschaltet werden kann.
Chronischer Streß
Chronischer Streß entsteht, wenn ein Tier einem Stressor ständig oder in kurzen Zeitabständen immer wieder ausgesetzt ist. Er wird in 3 Phasen unterteilt, von denen die ersten beiden im Ablauf denen des akuten Stresses entsprechen.
Die 1. Phase ist die Einwirkung des Streßreizes. Der Körper der Maus reagiert geschockt, der arterielle Blutunterdruck, die Körpertemperatur, und der Blutzuckerspiegel sinken, es wird weniger Harn abgesondert, die Werte der Elektrolyte Chlorid, Natrium und Kalium im Blut fallen ab und die LymphozytenAbwehrzellen des Immunsystems
vermehren sich.
In der 2.Phase kommt es zur Adrenalinausschüttung, Glucose und freie Fettsäuren aus den Speichern der Leber, der Muskulatur und des Fettgewebes werden freigesetzt, Herztätigkeit und Atmung werden stimuliert, der Blutdruck steigt wieder an und über den stressfreien Level hinaus. Außerdem werden weitere stressabhängige Hormone (z.B. Cortisol und Wachstumshormone) freigesetzt, die stressbedingten Stoffwechselvorgänge stabilisieren. Sie spielen daher auch beim chronischen Streß eine große Rolle.
Die 3. Phase, auch Erschöpfungsphase genannt, tritt dann ein, wenn die Auslöser dauerhaft auf das Tier einwirken. Dazu gehören beispielsweise ständiges Anfassen, Lärm oder auch streßauslösende Gerüche. Wird die Streßquelle nicht beseitigt, mündet diese Phase im Tod des betroffenen Tieres.
Warum ist Streß schädlich?
Streß ist bis zu einem bestimmten Umfang eine völlig normale Reaktion, die keinerlei Schäden hinterlässt. Tritt er jedoch zu häufig oder lang anhaltend auf, können eine ganze Reihe schädlicher Wirkungen auftreten, die sich unterschiedlich gut am Tier beobachten lassen.
Folgende Schadwirkungen können entstehen:
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die ständige Erregung des Sympathikus
- Leber- und andere Organerkrankungen durch den erhöhten Zuckerspiegel
- steigendes Schlaganfallrisiko durch erhöhten Cholesterinspiegel
- Verspannungen, Haltungs- und Gelenksschäden durch erhöhte Muskelspannung
- Magen-Darmerkrankungen durch die verminderte Darmtätigkeit
- Erschöpfung und Leistungsverlust durch die chronische Belastung bei der das Tier in ständiger Widerstandsbereitschaft ist
- geschwächtes Immunsystem
Vermeiden Sie daher nach Möglichkeit Streß auslösende Situationen, so oft es ihnen möglich ist. Vergegenwärtigen Sie sich die Ängste und Feindschemen des Fluchttieres Maus und vermeiden Sie diese.
Verzichten Sie darauf, nachtaktive Tiere am Tag zu wecken. Hören Sie im Raum der Tiere keine Laute Musik und setzen Sie die Nager auch nicht dem indirekten Kontakt mit ihren Freßfeinden aus. Eine Katze, die auf der Abdeckung eines Aquariums liegt oder durch das Gitter eines Geheges zu greifen versucht, ist für die darin lebenden Mäuse enormer Streß!
Beobachten Sie Ihre Tiere, ob die Gruppe harmonisch ist oder es immer wieder Unruhe und Querelen gibt, ein Tier gemobbt oder anderweitig unterdrückt wird. Gerade dieser soziale Streß wird schnell chronisch, wenn Sie ihn übersehen.
Quellen
stangl-taller.at
Wikipedia

