Pirat – Einsamkeit macht kaputt
„Ich spende eine Kastra!“ Mit dem Satz fing für einen kleinen Mäuserich eine lange Reise an. In Forchheim ging die die Reise los. Nach einer Zwischenstation zur Kastration in Hamburg kam der Kleine am 07.11.2008 bei mir nahe Flensburg an.
Ein total süßes Kerlchen! Ich war unsterblich verliebt. Mein euphorischer Höhenflug endete aber schon beim den ersten Vergesellschaftungsversuchen abrupt mit einem schmerzhaften Aufprall auf dem Boden der Tatsachen. Mehr als neun Monate Einsamkeit hatten tiefe Spuren in der Seele des kleinen Mäuserichs hinterlassen und er wies massive Symptome einer Kontaktstörung auf. Er quittierte jeden Annäherungsversuch – egal ob von Maus oder Mensch – mit deutlichen Drohgebärden, Berührungen mit massiven Beißattacken.
Und so saß Pirat, wie ich ihn wegen seiner „Augenklappe“ genannt hatte, acht Wochen nach seiner Ankunft immer noch allein, so dass ich beschloß, mit ihm zu üben, bis er Berührungen wieder ertragen konnte.
Für Mensch und Maus hieß das: Jeden Abend Streß, jeden Abend streicheln – erst ganz vorsichtig an der Schwanzspitze, später den Schwanz hinauf am hinteren Rücken und den Seiten. Immer wieder trat er in Panik nach mir, zuckte bei jeder Berührung weg. Auch nach Wochen wurde es nicht wirklich besser. Sobald eine Maus die normale Geruchskontrolle am Po vornehmen wollte, verbiß er sich heftig in seinem arglosen Gegenüber. Jeder Vergesellschaftungsversuch scheiterte, selbst die artfremden Vielzitzenmäuse vermöbelte er mit derselben Vehemenz. Sollte er wirklich allein bleiben müssen?
Und dann kam Weihnachten – und nach den Feiertagen Larissa, die ich mit ihren Brüdern auf meinem Heimweg vom Fest bei meiner Mutter aus einem kalten Tierheimflur irgendwo im Nirgendwo aufgelesen hatte.
Eigentlich sollte sie ein Böckchen sein wie der Rest der Gruppe auch. Und nun saß ich da mit einem einsamen, rappeldürren, leicht schniefenden Solomädchen, das in keiner meiner Gruppen aus Kastraten und Böcken einziehen konnte.
Versuch macht klug, dachte ich und stellte sie Pirat vor – zwei Einsame, die einander haben könnten, wenn er sich einmal zusammenreißen würde. Wunder dauern ja bekanntlich etwas länger. Mein Wunder hat von seinem Einzug an drei Monate gedauert. Larissa war die Geruchskontrolle im Gesicht genug. Sie berührte seine Panik auslösenden Punkte im hinteren Körperbereich nicht – und nach 24 Stunden hatte ich ein kuschelndes Mäusepaar im Hamsterknastkleiner, handelsüblicher Gitterkäfig bis zu einer Seitenlänge von 80cm
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Doch nach einigen Tagen trat sie ihm versehentlich auf den Schwanz. Ohne Vorwarnung verbiß sich der kräftige Kastrat heftig in der zarten Mäusefrau und ich trug meine Hoffnungen schon zu Grabe. Doch nach einer einstündigen Trennung der beiden, schien er sich seiner „Verfehlung“ nicht mehr erinnern zu können. Einträchtig kuschelnd lagen beide bald wieder im Nest.
Nachdem der Frieden von Dauer schien, bezogen sie ihre „Einliegerwohnung“ in meiner Schrankwand – aus der es schon nach einigen Tagen verdächtig piepste. Larissa war trotz ihres Untergewichtes doch von einem ihrer Brüder geschwängert worden und hatte vier Kinder zur Welt gebracht.
Ach das noch! Nie würde er die Kinder leben lassen, dachte ich. Aber trennen wollte ich die beiden auch nicht. Also nahm das Schicksal seinen Lauf – und Pirat belehrte mich, wie gründlich ich mich in diesem Punkt geirrt hatte. Als stolzester Papa der Welt behütete und wärmte er seine Kuckuckskinder und unterstützte deren Mutter nach Kräften in der Fürsorge.
Rückblickend muß ich sagen, das war das Beste, was ihm hatte passieren können. Mit den Kindern lernte er noch einmal neu mäusisches Verhalten und ist heute eine ruhige, sozial gut eingebundene Maus ohne sichtbare Verhaltensauffälligkeiten.
Er lebt immer noch mit seiner süßen Frau und seinen drei Stieftöchtern in der Einliegerwohnung und genießt, was er so lange entbehren musste.
Nachtrag: Mach´s Gut, kleiner Mäusemann! Deine Familie und ich vermissen Dich sehr! R.I.P. Pirat (gestorben 20.09.2009)

