Waisenaufzucht und Auswilderung

Immer wieder werden bei Gartenarbeiten, Spaziergängen oder ähnlichen Gelegenheiten kleine Mäusekinder gefunden, die noch nicht entwöhnt sind. Manchmal verstirbt bei Haustieren auch die Mutter zu früh. Die Aufzucht dieser Waisenkinder ist zum Leidwesen der unfreiwilligen Mäuseersatzeltern nicht immer von Erfolg gekrönt. Es gibt aber Grundregeln, die die Chancen der kleinen Mäusekinder wesentlich erhöhen können.

1. Aufnahme

Waldmaus auf der Waage

Handelt es sich bei dem Baby um ein verwaistes Wildtier, ist eine Parasitenkontrolle obligatorisch. Das Baby sollte spätestens im Alter von reichlich 2 bis 3 Wochen einen Spot onMedikament, das als Tropfen auf die Haut gegeben wird mit Stronghold 15 mg oder Ivomec bekommen (= 1 kleiner Tropfen in den Nacken). Letzteres hilft gegen sämtliche Ektoparasiten sowie einige Würmer.
Auch eine Gewichtskontrolle, die später fortgesetzt werden sollte, ist sinnvoll.


2. Füttern

Am besten zur Aufzucht geeignet ist Welpenaufzuchtmilch für Katzen. Diese gibt es beim Tierarzt, manchmal auch in der Zoohandlung. Kommen Sie nicht schnell genug an diese Milch, können Sie solange auch eine Mischung aus Kaffeesahne und Fencheltee (Mischung 50:50) füttern. Eine Dauerlösung ist diese Mischung aber nicht. Sie können sowohl dieser Mischung als auch der Milch etwas Sab Simplex zusetzen, um die Wahrscheinlichkeit von Blähungen zu mindern.
Damit sich die Babys nicht verkühlen, muss die Milch handwarm sein.
Zum Füttern eignen sich Laborpipetten oder Braunülen (gibt´s beim Tierarzt), die auf Spritzen gesteckt werden. Optimal ist aber die Nuckelflasche von Gimborn, deren Aufzuchtset auch einen mausbabygeeigneten Nuckelaufsatz enthält.


3. Bauchmassage

Bauchmassage mit Wattestäbchen

Massieren Sie nach jeder Fütterung den Bauch des Babys 3 bis 5 Minuten lang mit einem kleinen Wattestäbchen, um die Verdauung anzuregen.
Kontrollieren Sie auch regelmäßig, dass das Baby Kot und Urin absetzt.
Die Massage mit dem Stäbchen ersetzt die Massage, die die Mutter in der Natur ausführt, wenn sie ihrem Baby den Bauch ableckt. So regt sie die Verdauung ihrer Babys an.

4. Wärmezufuhr

Sehr kleine Mäusekinder benötigen bis zur Entwöhnung eine zusätzliche Wärmequelle, da sie ihre Körpertemperatur noch nicht allein halten können.
Im Notfall leistet eine Wärmflasche, umwickelt mit einem Handtuch, gute Dienste. Besser geeignet sind Heizmatten oder Heizsteine, die dauerhaft eine regelmäßige Wärme abgeben. Auch Rotlicht ist eine gute Wärmequelle, da es zusätzlich noch das Immunsystem stimuliert.
Kontrollieren Sie regelmäßig mit der Hand, dass es für das Baby nicht zu heiß wird. Die Heizung ist für die kleinen Babys ungeeignet, da sie punktuell deutlich zu heiß und an anderer Stelle wieder zu kalt wird.


5. Fütterungsabstand und Alter

Spitzmausfütterung

Als Faustregel gilt für Babys, die noch nicht fest fressen, ein Fütterungsintervall von 2 bis 3 Stunden (fast alle Echten Mäuse und Rennmäuse) bzw. 1 bis 2 Stunden (Knirpsmaus- und Zwergmauskinder, alle Spitzmäuse) am Tag und ein Intervall von 3 bis 4 bzw. 2 bis 3 Stunden in der Nacht. Die Intervalle können vergrößert werden, wenn Sie beim Füttern merken, dass das Baby von der letzten Mahlzeit noch satt ist.
Fangen die kleinen Mäuse an, fest zu fressen, stellen Sie ihnen immer festes Futter zur Verfügung und vergrößern die Milchintervalle stetig. Für den Übergang können Sie auch Haferschleim anbieten, den Sie mit der Aufzuchtmilch anrühren können.

Babys ohne Fell sind wenige Stunden bis wenige Tage alt. Bis zum Alter von etwa 14 Tagen sind die Augen der meisten Arten noch geschlossen. Der genaue Zeitpunkt von Fellwuchs und dem Öffnen der Augen variiert von Art zu Art leicht.
Babys, die noch mit geschlossenen Augen gefunden werden, haben eine deutlich geringere Überlebenschance als ältere Mäusekinder. Öffnen sie die Augen während der Aufzucht, steigen ihre Chancen, groß zu werden, enorm.
Wenn die Augen komplett offen sind, können Sie die erste feste Nahrung anbieten. Bei allen Nagern sind das Mischungen für Mäuse, bei Spitzmäusen lebende oder tote Futterinsekten, Igelfutter oder Insektenfutter für Vögel.


6. Auswildern

Spitzmaus-Handaufzuchten vor der Auswilderung

Nach deutschem Recht ist es verboten, wilde Tiere als Haustiere zu halten. Sie müssen also in der Regel alle gefundenen Tiere wieder in die Natur zurückbringen.
Auch wenn sie als sehr kleine Babys gefunden wurden, kann man die meisten kleinen Mäusekinder nach etwa 8 bis 12 Wochen in die Freiheit entlassen. Schlagen Sie nach, wo die von Ihnen gefundene Art zu Hause ist und entlassen sie die Kleine(n) mit etwas Futter an einer geeigneten Stelle in die Freiheit.
Vorbereitend können Sie dem Kleinen schon Futter und Gegenstände aus seiner künftigen Umgebung anbieten, damit es seine natürliche Nahrung kennen lernt. Außerdem sollten Sie schon einige Tage vor der Auswilderung beginnen, Streu und Heu der Maus dort zu verteilen, wo sie ausgewildert werden soll. So hat sie draußen schon eine vertraute Note und andere Mäuse können sich auf den neuen Nachbarn einstellen. Wenn Sie das Tier dann entlassen, können Sie noch zur Erleichterung der Umgewöhnung für ein paar Tage Futter an der Stelle hinterlassen.
Im Idealfall „trainiert“ der Findling vorher in großen Gehegen ab 2 qm für die große Freiheit.

Füttern Sie schon ab etwa der 4. Woche nicht mehr aus einer Schüssel, sondern im Gehege verstreut, damit die kleine Maus lernt, ihr Futter selbst zu suchen.

Vor der Auswilderung sollten folgende Fragen geklärt sein:

  • Ist das Tier gesund und normal entwickelt?
  • Ist das Tier scheu genug?
  • Flüchtet es vor fremden Geräuschen, Bewegungen und Schatten?
  • Ist es fähig, allein Nahrung zu suchen?
  • Nur für Spitzmäuse: Kann es selbst Insekten erbeuten?

Es gibt jedoch Fälle, die gegen eine sofortige oder generell gegen eine Auswilderung sprechen:
a) Das Baby wird sehr spät im Jahr gefunden und hat durch die Aufzucht in warmen Räumen kein Winterfell ausgebildet. Ab Ende Oktober/ Anfang November haben die Kleinen keine gute Chance mehr draußen. Sie sollten mindestens bis April, je nach Wetterlage evtl. sogar bis Anfang Mai überwintert und dann rausgesetzt werden. Vermeiden Sie beim Überwintern des Tieres jeden unnötigen Kontakt, damit es scheu und so überlebensfähig bleibt. Halten Sie sie nach Möglichkeit in einem kühlen Raum.

b) Das Baby ist nicht normal entwickelt. In diesem Fall bleibt das Mäuschen besser in menschlicher Obhut. Um dem Tier ein möglichst artgerechtes Leben zu garantieren, sollten Sie für artgleiche Partner und ein großes Gehege sorgen. Dies kann etwa durch eine Abgabe an Wildschutzstationen, Nagernotstationen oder Tierparks geschehen. Sie können sich auch gern an uns wenden.

c) Das Baby ist zu zahm. Auch dann kann es nicht ausgewildert werden. Die beste Lösung ist dann dieselbe wie für nicht normal entwickelte Mäusekinder.
Allerdings sind manche Tiere einfach Spätzünder. Werden sie nicht übermäßig verhätschelt, verwildern die kleinen Findlinge von ganz allein mit der Zeit. Manche sind schon nach 4 Wochen soweit. Andere brauchen 12 Wochen und länger. Warten Sie also mindestens ein Vierteljahr, bevor Sie beschließen, eine wilde Maus drin zu behalten.


7. Scheue Mäuse behalten?

Manche Mäuseeltern haben sich so in ihren Zögling verliebt, dass sie ihn nicht wieder hergeben möchten, obwohl er scheu und draußen überlebensfähig ist. Das ist verständlich. Aber was bedeutet es für das Tier?
In erster Linie bedeutet es Streß, je nach Gehegegröße auch Langeweile. Manche Tiere sterben früh durch Angst und Streß, da sie für ständigen Kontakt mit Menschen nicht geboren wurden. Einige Tiere springen so lange an einer Gehegewand hoch, weil sie raus wollen, dass sie irgendwann an Erschöpfung sterben. Da die meisten Fundtiere Einzelkinder sind und dieselbe Art meist nicht verfügbar ist als Partnertier, vereinsamen diese Tiere zudem und leiden auch unter der Einsamkeit.
Widerstehen Sie daher der Versuchung, Ihren Schützling zu behalten. Sie machen sich nicht nur strafbar, sondern tun auch Ihrem Zögling nichts Gutes.


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gesundheit/waisenaufzucht.txt · Zuletzt geändert: 30.09.2009 08:40 von angelus     Nach oben
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