Baumwollratte
Systematik und Biologie
| Ordnung: | Nagetiere (Rodentia) |
| Unterordnung: | Mäuseverwandte (Myomorpha) |
| Überfamilie: | Mäuseartige (Muroidea) |
| Familie: | Wühler (Cricetidae) |
| Unterfamilie: | Sigmodontinae |
| Gattung: | Baumwollratten (Sigmodon) |
| Art: | (Hispid) Baumwollratte (Sigmodon hispidus) |
Die in Deutschland gehaltenen Baumwollratten entstammen Laborzuchten und werden unter dem Namen Sigmodon hispidus geführt. Es lässt sich jedoch nicht mehr 100%ig nachvollziehen, ob es sich wirklich um diese oder eine andere Art aus der Gattung der Baumwollratten handelt.
Wildtier Baumwollratte
Das Verbreitungsgebiet der hauptsächlich tagaktiven Baumwollratten erstreckt sich von den südöstlichen USA (Nebraska und Virginia bis Florida) bis ins nordöstliche Mexiko.
Dort bevölkern sie bevorzugt mit hohen Gräsern bewachsene Gebiete, da ihnen die Gräser zum einen Schutz vor Feinden, zum anderen genügend Nahrung bieten. Sie sind aber auch auf Feldern, in der Prärie und Landschaften mit anderer Bodendeckung zu finden.
Ihre Nester bauen die Nager mit Kammern im Boden, aber manchmal auch überirdisch, wenn sich entsprechend geschützte Plätze finden. Die Nester sind rund, haben einen Durchmesser von etwa 12 cm und werden von den Tieren aus Gräsern gebaut. Unterirdische Tunnel haben meist einen Durchmesser von 3 bis 5 cm und sind selten länger als 8 m. Oberirdische Pfade sind meist 5 bis 8 cm breit. Manchmal übernehmen sie aber auch die Bauten von Taschenratten oder Wühlmäusen.
Wilde Baumwollratten fressen fast ausschließlich Pflanzen und Saaten. Sie fressen aber auch gelegentlich Insekten und stehlen Eier und sogar Jungvögel aus den Nestern bodenbrütender Vögel.
Baumwollratten sind das ganze Jahr über aktiv und legen auch keine Vorräte für den Winter an.
Trotz ihrer zahlreichen Feinde wie Coyoten, Luchsen, Eulen und Schlangen, können die Populationen dieser Nager explosionsartig ansteigen, da sie sich alle 6 Wochen fortpflanzen können. Diese Massenvermehrungen treten etwa alle 10 Jahre auf. Besonders starke Vermehrungen gab es in den Jahren 1919 und 1958 in Texas. Die Bestände werden jedoch nicht nur von Freßfeinden, sondern auch von verschiedenen Krankheiten, die sich in der riesigen Population gut ausbreiten können, und äußeren Faktoren wie dem Nahrungsangebot immer wieder reduziert.
Für den Menschen hat die Baumwollratte vor allem bei Massenvermehrungen eine große wirtschaftliche Bedeutung, da sie dann bis zu 90% der Ernte vernichten können. Zudem sind Überträger des Hanta-Virus. Auch in Labors sind Baumwollratten zu finden. Hier werden an ihnen Viren (z.B. Influenza) und Filarienerkrankungen erforscht.
Anatomie und Erscheinung
In Deutschland gibt es zwei optisch gut unterscheidbare Stämme der Baumwollratten. Tiere des einen Stammes haben ein graues, wuscheliges Fell, eine rundere Schnauze und einen etwas kürzeren Schwanz. Auch sind sie etwas größer und schwerer als der zweite, braune Stamm. Braune Tiere sind auf der Oberseite kräftig braun und gräulich auf der Unterseite. Sie haben ein festes, rattenähnliches Fell. Das Fell wird im Laufe der Entwicklung der Jungtiere zum erwachsenen Tier dreimal gewechselt.
Baumwollratten sind verhältnismäßig große Tiere, die im Durchschnitt eine Körperlänge von 15 bis 20 cm, eine Schwanzlänge von 10 bis 13 cm erreichen. Die Tiere wiegen zwischen 80 und 150 g, können aber auch ein Gewicht von bis zu 200 g (Weibchen) bzw. 300 g (Männchen) erreichen, wobei die Männchen größer und schwer als die Weibchen sind.
Die Baumwollratte als Haustier
Eignung
Baumwollratten sind eher unscheinbare Nager mit leicht erfüllbaren Ansprüchen, die nicht übermäßig aktiv sind. Nimmt man sich jedoch Zeit, sie zu beobachten, entdeckt man interessante Hausgenossen in ihnen. Glücklich wird mit ihnen jedoch nur ein geduldiger Halter, der nicht unbedingt viel Action im Gehege braucht.
Für Kinder sind sie als Haustiere absolut ungeeignet!
Handhabung
Die Handhabung der Tiere richtet sich sehr danach, ob Sie Tiere aus dem grauen, leicht zu zähmenden oder aus dem braunen, sehr scheu bleibenden Stamm haben.
Die zahmen Tiere lassen sich meist ohne Probleme in die Hand nehmen, um sie umzusetzen oder ihr Geschlecht zu überprüfen.
Beim Tierarzt können Sie die Tiere ebenfalls einfach in die Hand nehmen oder bei Bedarf im Nacken und an der Schwanzwurzel auf der Unterlage fixieren. Nehmen Sie die recht schweren Tiere jedoch niemals nur am Schwanz hoch!
Entflohene Tiere können Sie gut mit einer Transportbox oder einem Kescher einfangen.
Für die Tiere des scheuen Stammes brauchen Sie etwas Übung und viel Ruhe. Anfangs sind die Tiere meist noch extrem scheu und hüpfen beim leisesten Geräusch und der kleinsten Bewegung panisch und ziellos wie ein Flummi umher. Mit der Zeit und zunehmendem Alter werden sie zumindest etwas ruhiger.
Bewegen Sie sich beim Einfangen nicht hektisch oder plötzlich. Zum Umsetzen lassen sich die Tiere am besten mit einer kleinen Transportbox einfangen. Ist diese (zum Teil) durchsichtig, kann in ihr auch das Geschlecht überprüft werden. Versuchen Sie niemals, die Tiere am Schwanz festzuhalten oder gar hochzuheben!
Achtung: Scheue Tiere können in Panik heftig zubeißen. Hier helfen nur Handschuhe aus sehr stabilem Leder. Andernfalls durchdringen die Tiere den Handschuh beim Beißen.
Sozialstruktur und Verhalten
Je nach Stamm kann der Verhalten von Baumwollratten recht unterschiedlich ausfallen. Die grauen Tiere werden in der Regel schnell zahm und sind daher auch gut im Gehege zu beobachten.
Braune Baumwollratten sind scheue und schreckhafte Zeitgenossen, die auch beißen, wenn sie sich bedrängt fühlen und nicht weg springen oder laufen können. Vor allem zum Anfang sind sie sehr ängstlich, springen beim kleinsten Anlaß wie Flummis umher und lassen sich nur schwer wieder beruhigen. Gönnt man den Tieren Ruhe und ein passendes Gehege, werden sie mit der Zeit etwas ruhiger und das Handling wird einfacher. Wirklich zahm werden sie aber nie.
Baumwollratten sind soziale, tagaktive Tiere, die Sie zu zweit oder in kleinen Gruppen halten können. Weibchen sind dabei recht problemlos, unkastrierte Männchen töten sich mit Einsetzen der Geschlechtsreife. Im Soloexperiment mit 3 Baumwollrattenjungs zeigte sich jedoch, dass die Tiere nach der Kastration recht friedlich werden.
Haltung
Auch wenn sie oft als bewegungsfaul beschrieben werden, sollten Sie Ihren Baumwollratten ein Gehege von mindestens 100x50x100cm Größe mit mindestens einer Etage anbieten. Baumwollratten sind keine virtuosen Kletterer. Daher eignet sich für sie am besten ein umgebauter Schrank oder ein ähnlich gestalteter Eigenbau. Ebenen sollten so mit Aufgängen versehen sein, dass die Tiere sie ohne Kletterartistik laufend erreichen können.
Mit Volieren können sie dagegen wenig anfangen. Da die Tiere viel Urin absetzen und somit die Gefahr der Ansammlung von Ammoniak höher ist als bei anderen Arten, sollten Baumwollratten nicht in Aquarien oder Terrarien gehalten werden.
Da Baumwollratten kaum bis gar nicht graben, muß das Gehege keine Möglichkeit für hohe Einstreu bieten. Als Einstreu können Sie beispielsweise staubarme Kleintierstreu, Hanf oder Eurolin verwenden. Da Baumwollratten Heu außer zum Nestbau auch zum Fressen mögen, ist ihr Verbrauch recht hoch. Sie sollten es also regelmäßig frisch anbieten.
Als Einrichtung eignet sich für ein Baumwollrattengehege alles, was aus Naturstoffen wie Holz, Kork, Ton oder ähnlichem besteht. Dabei sollten Sie immer darauf achten, dass die Tiere schlecht und auch eher ungern klettern. Seile und dünne Zweige sind daher weniger sinnvoll. Auf dickeren Ästen und Stammstücken sitzen sie aber hin und wieder recht gern. Gerade für scheue Tiere bietet sich ein stärker strukturiertes Gehege an, das den Tieren mehr Deckung und damit Sicherheit bietet.
Einigen Exemplaren wird ein starker Nagetrieb nachgesagt. Insgesamt zerstören sie Holzinventar aber eher selten.
Zur Fütterung sollten sie getrennte Schüsseln für Feucht- und Trockenfutter verwenden und zum Trinken eine Wasserflasche anbieten, da die Tiere Schüsseln schnell verschmutzen und auch umwerfen.
Ernährung
Als Grundfutter eignet sich für Baumwollratten eine Großsaatenmischung mit verschiedenen Getreiden und wenig Fettsaaten, da sie kleine Körner in der Regel wenig oder gar nicht fressen. Achten Sie dabei auf einen niedrigen Fettanteil im Futter, da die Tiere leicht verfetten.
Unabdingbar ist die tägliche Gabe von viel Gemüse, anderem Frischfutter und ein wenig Obst, da das Frischfutter den Hauptbestandteil ihrer Ernährung bildet.
Die Fütterung wird komplettiert durch die Gabe von tierischem Eiweiß. Das kann als Trockeninsekten oder auch lebend angeboten werden. Nach anfänglicher Scheu jagen die Tiere auch Schaben und Grillen recht geschickt. Mehlwürmer und Zophobas sollten sie selten oder gar nicht bekommen, da diese sehr fett sind.
Baumwollratten haben einen hohen Flüssigkeitsbedarf. Dieser wird zum Teil über das Frischfutter gedeckt. Eine Flasche mit täglich frischem Wasser ist jedoch sehr wichtig für die Tiere, die zusätzlich noch recht viel trinken.
Fortpflanzung
Nicht nur im Verhalten, auch in der Fortpflanzung unterscheiden sich der braune und der graue Stamm der Baumwollratten. Hier vermehren sich die grauen weniger stark und weniger oft. Während die braunen Tiere nach einer Tragzeit von etwa 27 Tagen alle 4 Wochen bis zu 10 Junge bekommen, sind es bei den grauen oft nur 3 – 5. Zudem sind die Abstände zwischen den Würfen bei den grauen Tieren oft größer.
Die Jungtiere sind bei der Geburt schon recht weit entwickelt und kommen bereits mit Fell auf die Welt. Nach nur 36 Stunden öffnen sie die Augen und krabbeln schon aus dem Nest. Am 5. oder 6. Tag brechen dann die Nagezähne durch. Mit 15 bis 20 Tagen werden sie dann entwöhnt, auch wenn sie im Notfall schon ab einem Alter von 5 bis 7 Tagen ohne Muttermilch auskommen.
Baumwollratten tragen noch ihr Jugendfell, wenn sie im Alter von etwa 40 Tagen geschlechtsreif werden. Jetzt wollten die Söhne unbedingt vom Vater getrennt werden, da es sonst zu tödlichen Beißereien kommen kann. Die Jungtiere sollten frühzeitig kastriert werden, um tödliche Kämpfe unter ihnen zu vermeiden.
Die Vermehrungsrate von Baumwollratten ist immens! Ein einziges Weibchen kann – den Nachwuchs ihrer Nachkommen eingerechnet – im Alter von einem Jahr die Stammutter von etwa 15.500 Baumwollratten werden! Überlegen Sie daher gut, ob Sie wirklich ein Pärchen haben wollen.
Krankheiten
Baumwollratten sind nicht domestiziert und haben daher noch eine robuste Gesundheit. Sie sind eher selten krank, wenn sie richtig gehalten und ernährt werden.
Jedoch neigen die Tiere vor allem bei zu fetter und zu getreidelastiger Ernährung zu Verfettung mit all ihren Problemen wie etwa Grauem Star.
Weiter müssen Sie mit Erkältungen nach einem unsachgemäßen Transport oder bei Zugluft rechnen.
Für veterinärmedizinische Notfälle sollten Sie aber in jedem Fall eine finanzielle Rücklage von ca. 100 Euro haben.
Vergesellschaftung
Über die Vergesellschaftung von Baumwollratten gibt es nur wenige Informationen. Ich habe bei der Vergesellschaftung meiner Kastraten mit einer dreistufigen Etappenmethode sehr gute Erfahrungen gemacht. Diese kann auch auf Weibchen angewendet werden. Dabei kommen die Tiere im ersten Schritt in die Badewanne. Gerade für die scheuen, brauen Baumwollratten ist der Platz zum Ausweichen wichtig. Regen sich die Tiere sehr auf, können Sie auch ein Häuschen in die Wanne stellen, das dann schnell und gern genutzt wird. Diese Etappe sollte über etwa 12 Stunden laufen.
Im zweiten Schritt kommen die Tiere in einen Hamsterknastkleiner, handelsüblicher Gitterkäfig bis zu einer Seitenlänge von 80cm
mit ca. 50cm Seitenlänge. Hier verbleiben sie etwa 1 Woche und bekommen in der Zeit etwas Inventar.
Im letzten Schritt setzen Sie die Tiere in das schon etwas eingerichtete Endgehege.
Benutzte Streu und Inventar werden immer von Schritt zu Schritt mitgenommen.
Verzichten Sie unbedingt darauf, erwachsene, unkastrierte Männchen zu vergesellschaften! Die wird mit hoher Wahrscheinlichkeit für eines oder mehrere der Tiere tödlich enden!
Vor der Vergesellschaftung von Kastraten sollten 6 bis 8 Wochen seit der Operation verstrichen sein.
Anschaffung
Baumwollratten gibt es im Tierschutz bisher nur sehr selten. Am ehesten werden also Sie noch bei einem Züchter fündig werden. Aber auch auf Messen werden die Tiere angeboten.
Selten findet man die Tiere auch in Zoohandlungen. Vom Kauf ist hier in jedem Fall abzuraten, da die meisten Händler die Geschlechter nur schwer unterscheiden können und Sie schnell ungewollt ein Pärchen erwerben. Auch ist das Risiko, kranke, mit Parasiten behaftete, schwangere oder zu junge Tiere zu erwerben, deutlich größer als bei einem seriösen Züchter.
Je nach gewünschter Gehegelösung sollten Sie für die Erstanschaffung von Unterkunft, Inventar, Streu, Futter und Transportbox zwischen 150 und 300 Euro rechnen.
Monatlich fallen für Futter und Streu dann je nach Gruppengröße und verwendeter Einstreu Kosten in Höhe von etwa 20 bis 30 Euro an.
Artengesellschaft
Über Artengesellschaften mit Baumwollratten gibt es keine ausreichende Informationen, so dass Sie im Interesse der Tiere auf einen solchen Versuch verzichten sollten!
Weitere Informationen
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Quellen:
Rodent-Info
Smithsonian National Museum of Natural History
Wildlife of North America
Enature.com
The mammals of Texas








